Anatomie Teil 1

Gedanken im Vorfeld

Bei dieser Serie rund um die Anatomie der Schafe soll es darum gehen, die körperlichen Gegebenheiten zu analysieren und in einen Kontext zu bringen. Welche Punkt sind gesundheitlich relevant und bei welchen Punkten spielen lediglich optische Kriterien eine Rolle. Ihr werdet feststellen, dass bei der Bewertung von Schafen oft die negativen Aspekte in den Vordergrund gestellt werden. Es liegt vermutlich in der Natur des Menschen, dass die Schwächen besser im Gedächtnis bleiben. Dabei sollte man stets beachten, dass es kein perfektes Schaf gibt. Die kritische Betrachtung der eigenen Schafe sollte eher als Bestandsaufnahme angesehen werden. Wenn man seine Schafe gut kennt, kann man gezielte Anpaarungen vornehmen. Natürlich spielen auch persönliche Vorlieben eine wichtige Rolle, wenn man Schafe betrachtet.

Bestandsanalyse

Es ist wichtig, die körperlichen Voraussetzungen seiner Schafherde zu kennen und zu akzeptieren. Jedes Schaf ist ein Individuum. Sowohl vom Charakter als auch anatomisch gesehen. Die Bewertung der Tiere hilft, Stärken und Schwächen zu erkennen. Auf dieser Grundlage können weitere züchterische Entscheidungen getroffen werden. Zumindest sofern dies notwendig sein sollte. Durch die Betrachtung meiner eigenen Schafe konnte ich feststellen, dass eine Mutterlinie bei mir sehr konsequent x-Beine vererbt. Ein anderes Mutterschaf hat ihren Unterbiss weitergegeben. Auf diese Punkte muss ich bei der zukünftigen Wahl der Deckböcke besonders achten.

Wissen ist Macht! Deshalb ist es notwendig, so viele Informationen zu sammeln wie möglich. Nur so kann eine gute Entscheidungsgrundlage für spätere Zuchtgedanken gelegt werden. Auf Grund meiner gesammelten Daten war es mir möglich, in diesem Jahr eine spezielle Anpaarung vorzunehmen. Eins meiner Mutterschafe hat mit verschiedenen Böcken stets Bocklämmer mit weiter Hornstellung gebracht. Auch ihre Töchter können in diesem Punkt überzeugen. Dieses Mal steht sie bei einem Bock, der selbst sehr enge Hörner hat. Natürlich spielt auch das Glück eine Rolle, aber die Wahrscheinlichkeit, dass in diesem Fall ein Bocklamm mit korrekter Hornstellung geboren wird, ist relativ hoch.

Ganzheitliche Betrachtung

Wenn ich meine Zuchtschafe bewerte, schaue ich mir zunächst das gesamte Schaf an. Ich mache mir eine Notiz, ob mir das Schaf vom Typ gefällt oder nicht. Dieser Eindruck ist eine persönliche Vorliebe und hat nichts mit der eigentlichen Bewertung anhand anatomischer Merkmale zu tun.

Wenn man diese ersten Eindrücke vom Schaf protokolliert, schult dies nach meiner Erfahrung das züchterische Auge. Geht man im nächsten Schritt in die Tiefe und schaut sich alle Körperpartien separat an, findet man in der Regel den Grund für die Punkte, die beim ersten Eindruck aufgefallen sind.

Bewertungszeitpunkt

Um den Körperbau eines Schafes korrekt bewerten zu können, ist es sinnvoll, einen Zeitpunkt nach der Schur zu wählen. Nur zu diesem Termin ist es möglich, eine aussagekräftige Betrachtung der Anatomie vorzunehmen.

Sollte eine Bewertung zu einem späteren Zeitpunkt notwendig sein, ist es hilfreich, das Schaf anzufassen. Man kann so erkennen, wie viel Wolle bereits nachgewachsen ist. Einige Merkmale lassen sich darüber hinaus auch gut ertasten. Mir hilft es, wenn ich das Tier anfassen kann. Die Lage der Schulter und die Breite der Brust lässt sich anhand dieser Methode leicht erkennen. Zudem bietet sie eine gute Vergleichsmöglichkeit verschiedener Schafe.

Bewertungskriterien

In der Herdbuchzucht werden jeweils Noten für Wolle, Bemuskelung und äußere Erscheinung vergeben. In einigen Bundesländern entfällt die Note für die Bemuskelung für Ouessantschafe. Grundsätzlich werden dabei Benotungen von 1 bis 9 vergeben. Die Note 9 ist in diesem Fall die bestmögliche Bewertung. Darüber hinaus werden die Tiere anhand der vergebenen Noten in verschiedene Zuchtwertklassen eingeteilt.

In diesem Text möchte ich die Wolle und die Bemuskelung zunächst außen vor lassen und mich intensiv dem Punkt „Äußere Erscheinung“ widmen. Dieser setzt sich aus vielen einzelnen Kriterien zusammen und ist äußerst umfangreich. Bei der Anatomie der Schafe müssen viele gesundheitliche Aspekte berücksichtigt werden. Ich sehe daher hier für mich den wichtigsten Ansatzpunkt um gesunde Schafe zu züchten. Die Wolle als Schutz gegen Witterungseinflüsse und auch die Bemuskelung dürfen bei der Betrachtung allerdings nicht ganz außer Acht gelassen werden.

Aller Anfang ist leicht

Die Beurteilung eines Schafes beginnt mit der eindeutigen Identifikation die Tiers anhand der Ohrmarke. Bei Herdbuchtieren kann so das Alter festgestellt werden. Diese Information ist wichtig. Bei der Bewertung fließt immer der aktuelle Entwicklungsstand in die Betrachtung mit ein. So muss z.B. bei der Größe oder der Hornstellung bei jungen Tieren immer berücksichtig werden, dass diese noch nicht ausgewachsen sind. Anschließend betrachtet man, wie eingangs berichtet, das Tier zunächst mit ausreichendem Abstand. So bekommt man einen ersten Eindruck (Proportionen, Figur, rassespezifische Merkmale etc.). Anschließend erfolgt die Bewertung der einzelnen Körperpartien vom Kopf an. Bitte beachtet, dass man immer nur den aktuellen Zustand bewerten kann!

1. Kopf

Der Kopf soll beim Ouessantschaf tendenziell eher fein sein. Da diese Bezeichnung viel Platz für Interpretationsspielraum lässt, gibt es bei dieser Rasse viele verschiedene Kopftypen. Die einen Züchter bevorzugen einen breiten, kurzen Kopf, die anderen ein langes, schmales Gesicht. Der Kopf wird als Bewertungspunkt oft übergangen oder als rein optisches Kriterium definiert.

Dies ist ein Irrglaube. Hier befindet sich mit den Zähnen der erste Teil des Verdauungssystems. Indem man bereits an dieser Stelle darauf achtet, ob das Maul ausreichend breit ist, legt man bereits einen ersten, wenn auch natürlich kleinen, Grundstein für eine gute Zahnstellung. Nur wenn im Kiefer ausreichend Platz vorhanden ist, können sich alle Zähne optimal entwickeln. Mir sind, zugegebenermaßen, noch nicht viele Ouessantschafe mit sehr schmalen Mäulern begegnet, aber in Kombination mit einem eher kurzen Kopf, kann man hier, ohne sich dessen bewusst zu sein, gesundheitliche Probleme kreieren, die nicht notwendig sind.

Zähne

Bekanntlich sind die Zähne die Achillesferse der Ouessantschafe. Leider ist es um die Zahngesundheit der Rasse nicht besonders gut bestellt. Glücklicherweise hat inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Züchter und Halter legen vermehrt Wert auf diesen Punkt. Neben der Zahnstellung ist auch die Zahngesundheit im Alter ein wichtiges Kriterium. Daher sollte man sich bei einer Bewertung die Zähne sehr genau anschauen. Es ist darüber hinaus sinnvoll, die Zahnstellung sowie die Anzahl der vorhandenen Zähne regelmäßig zu kontrollieren und zu dokumentieren. Ich habe mir angewöhnt, diese Punkte einmal jährlich zu überprüfen.

Als Wiederkäuer haben Schafe im bleibenden Gebiss zweiunddreißig Zähne. Im Unterkiefer befinden sich sechs Schneidezähne und zwei Eckzähne. Diese acht Zähne kann man gut erkennen und ertasten. Im Oberkiefer befindet sich stattdessen eine Gaumenplatte. Die Zähne des Unterkiefers sollen glatt mit der Platte abschließen. Stehen die Schneide- und Eckzähne über die Gaumenplatte hinaus, spricht man von einem Überbiss. Bei einem Unterbiss bleiben die Zähne hinter der Gaumenplatte. Weiterhin haben Schafe im Unter- und Oberkiefer jeweils zwölf Backenzähne. Das Ertasten der Backenzähne sollte nach Möglichkeit unterlassen werden. Es kann zu Verletzungen kommen, wenn das Schaf zubeißt!

Weitere Informationen zur Zahngesundheit habe ich in einem separaten Blogpost zusammengefasst!

Auge

An den Augen eines Schafes kann man viel erkennen. Der Blick sollte wach und munter und das Auge einen natürlichen Glanz haben. Selbstverständlich sollte das Auge frei von Ablagerungen und Eintrübungen sein. Andernfalls kann davon ausgegangen werden, dass das Tier krank ist. Es heißt nicht umsonst, das Auge sei der Spiegel der Seele.

Ohren

Auch für die Ohren sieht der Rassestandard eine Beschreibung vor. Diese sollen fein, klein, kurz, beweglich und leicht aufgerichtet sein. Ihr könnt mir glauben, diese Definition macht erst Sinn, wenn man einmal ein Schaf mit überdurchschnittlich großen Ohren hatte. Dieser Punkt ist rein optischer Natur und für mich kein Maßstab, anhand dessen ich meine Zuchttiere aussuche.

Hörner

Die Böcke tragen Hörner, während diese bei den weiblichen Schafen in der Regel nicht vorkommen. Hin und wieder können jedoch kleine Hornansätze festgestellt werden. Hier gibt es verschiedene Ausprägungsstärken. Bei einigen Mutterschafen kann man diese Hornansätze kaum erkennen. Oft sind sie nur im geschorenen Zustand zu sehen. In jedem Fall kann man sie als kleine Knubbel auf dem Kopf ertasten. Bei anderen Auen können Hornansätze einige Zentimeter lang werden. Nach meiner Erfahrung ist zu beobachten, dass die Hornansätze oft im Jahresverlauf langsam wachsen, dann anfangen zu wackeln und abfallen. Aber im Anschluss wachsen sie wieder nach. Hornansätze bei weiblichen Schafen haben keine gesundheitlichen Auswirkungen, werden jedoch züchterisch bearbeitet, so dass sie immer seltener auftreten. Ein Mutterschaf, dass ansonsten viele gute Eigenschaften mitbringt, würde ich, auf Grund von Hornansätzen nicht von der Zucht ausschließen. Eine dominante Vererbung konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Das Mutterschaf gibt dies als nicht zwingend an ihre Nachkommen weiter.

Man sollte immer berücksichtigen, dass die Hörner nicht nur beeindruckend aussehen, sondern auch eine wichtige Funktion erfüllen. Beim Kampf zwischen zwei Böcken sind die Hörner ein wichtiger Punkt bei der Verteidigung. Durch ihre Position sorgen sie dafür, dass der Bock möglichst wenig Verletzungen erleidet. Zusammen mit der harten Schädelplatte sind die Böcke daher in der Regel gut für kleinere Kämpfe gerüstet.

Es ist im Rassestandard festgelegt, dass die Hörner bei schwarzen und braunen Böcken dunkel und bei weißen Tieren hell sein müssen. Aber es kommt vor, dass bei den hellen Hörnern schwarze Längsstreifen vorhanden sind.

Hornstellung

Die Hornstellung bei Ouessantböcken ist vielseitig. Von Hörnern die nah an den Kopf wachsen, über Hörner, die fast senkrecht vom Kopf abstehen ist fast alles vertreten. Aus meiner Sicht ist es wichtig, diese Vielfalt zu erhalten. Sicherlich gibt es persönliche Präferenzen, aber solange keine gesundheitlichen Gründe dagegensprechen, haben alle Hornstellungen ihre Daseinsberechtigung. Neben dem Abstand zum Kopf, betrachtet man auch noch den Horndurchmesser und die Symmetrie. Da die Hörner ein wichtiges optisches Erkennungsmerkmal der Rasse sind, legen Züchter auf diesen Punkt besonderen Wert. Laut Rassestandard sollen die Hörner eine einzige Windung mit einem großen Durchmesser haben.

Der Abstand der Hörner zum Kopf soll ausreichend sein. Der Abstand zum Kopf wird immer an der engsten Stelle gemessen. Dieser Aspekt spielt eine große Bedeutung im Hinblick auf die Gesundheit der Böcke. Sobald die Hörner zu nah an das Gesicht wachsen, können Probleme auftreten. Sobald ich einen solchen Bock in meinem Bestand habe, kontrolliere ich jährlich, ob meine flache Hand noch zwischen Gesicht und Horn passt. Die Hörner wachsen lebenslang weiter, daher ist eine regelmäßige Kontrolle zwingend notwendig! Wenn der Abstand zu gering wird, ist zu prüfen, ob das Tier noch ohne Schmerzen wiederkäuen kann. Im Zweifelsfall muss ein Tierarzt zu Rate gezogen werden. Einige kürzen die Hörner. Dies ist eine Möglichkeit, allerdings ist das Einkürzen mit Stress verbunden. Hinzu kommt, dass ab einem gewissen Punkt das Horn bereit durchblutet ist. Hier muss mit aller Sorgfalt vorgegangen werden. Eine Kastration verlangsamt das Hornwachstum enorm und sollte daher frühzeitig in Betracht gezogen werden.

2. Hals

Der Hals der Ouessantschafe soll mittellang sein. Hautfalten oder locker sitzende Haut können beim Scheren der Tiere hinderlich sein. Bei Böcken ist eine Krawatte erlaubt. Dabei handelt es sich um eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Ansammlung von Grannenhaaren. Die Krawatte kann sich zum Teil bis auf den Rücken und die Schulter ausbreiten.

Beim Ouessantschaf sind Glöckchen erlaubt. Diese sitzen unterhalb der Kehle am Hals und kommen nur paarweise vor. Bei einigen Schafen sind die Glöckchen auf den ersten Blick zu sehen. Bei anderen Tieren sind die nur tastbar. Glöckchen werden dominant vererbt. Da sie hinderlich beim Scheren sind, versuchen inzwischen einige Halter die Glöckchen züchterisch zu bearbeiten.

3. Vorhand

Als Vorhand bezeichnet der Züchter das vordere Drittel des Schafes. Dazu zählt der Kopf, der Hals bis zum Widerrist und die Vorderbeine. Es handelt sich hierbei um eine reine Definition. Die einzelnen Punkte werden in der Regel noch einmal separat betrachtet und analysiert.

Mittelhand

Die Mittelhand bezeichnet anatomisch betrachtet, das mittlere Drittel des Schafes. Sie beinhaltet die Brustwirbelsäule, die Lendenwirbelsäule und den Brustkorb. Damit verstecken sich hier auch fast alle Lebenswichtigen inneren Organe. Diese sind durch die Rippen gut geschützt.

Die Mittelhand ist eine Brücke zwischen Vorhand und Hinterhand. Je nach Schaftyp kann die Mittelhand länger oder kürzer sein. Ein langer Rücken geht oft mit viel Platz in der Mittelhand einher. Während der Trächtigkeit hat das Lamm damit ausreichend Platz für eine optimale Entwicklung. Zusätzlich bleibt genügend Raum für die Futteraufnahme. Oft kann beobachtet werden, dass eine lange Mittelhand durch fehlende Muskeln und schwache Bänder zu einem Senkrücken werden kann. Ein kurzer Rücken ist stabiler, bietet aber weniger Platz für Lamm und Futter. Beides hat also Vorteile. Das richtige Mittelmaß ist in diesem Fall wichtig. Als Züchter hat man die Aufgabe, zeitnah gegenzusteuern, wenn man Tiere hat, die einem Extrem zugeordnet werden können. Ich persönlich bevorzuge Schafe mit einer kurzen Mittelhand. Dies hat ausschließlich optische Gründe. Mir gefallen kompakte Ouessantschafe optisch besser. Es ist daher wichtig, die eingesetzten Deckböcke sorgfältig auszuwählen, um die Mittelhand nicht zu stark zu verkürzen.

Rumpf

Als Rumpf wird der Bereich zwischen Oberlinie (Rücken) und dem Bauch bezeichnet. Beim Ouessantschaf ist es gewünscht, dass der Widerrist nicht hervorsteht. Der Rücken soll eine gerade Linie bilden. Als Abweichungen von diesem Ideal kommen sowohl Senk- als auch Karpfenrücken vor. Der Rassestandard fordert eine tiefe Brust. Durch ein tiefgestelltes Schaf bleibt viel Platz für das Lamm und die gleichzeitige Futteraufnahme. Auch züchterischer Sicht ist dies wünschenswert, damit das Mutterschaf über das ganze Jahr bei guter Kondition bleibt.

5. Hinterhand

Als Hinterhand wird das hintere Drittel des Schafes bezeichnet. Es umfasst das Becken, die Hinterbeine und den Schwanz. Die Hinterhand ist, wie bei vielen Tieren, der Motor. Auf Grund der großen Muskeln in diesem Bereich ist die Hinterhand bzw. die Keule bei Fleischschafen ein wichtiges (Zucht-) Kriterium.

Becken

Ich vermute, dass sich bei der Beschreibung des Beckens alle Schafzüchter einig sind. Möglichst breit soll es sein. Dies hat den einfachen Grund, dass durch einen breiten Geburtskanal und ein breites Becken ein leichter Geburtsvorgang begünstigt wird. Es ist aber leider keine Garantie, dass keine Schwergeburten auftreten!

Ein großes Becken ist mit dem bloßen Auge schwer zu erkennen. Hier ist es notwendig, dass man die Beckenknochen ertastet. Dabei wird man gelegentlich überrascht. Das Wollwachstum und eine gute Bemuskelung der Hinterhand können ein großes Becken vortäuschen.

6. Fundament

Die Gliedmaßen sind ein wichtiger Teil der Anatomie der Schafe. Sie tragen das gesamte Körpergewicht. Gerade bei Landschafrassen, zu denen Ouessantschafe gehören, ist eine gewisse Trittsicherheit unabdingbar. Um die Muskeln und Bänder der Beine möglichst wenig zu belasten, sollten diese möglichst Schulter bzw. beckenbreit stehen. Nur in diesem Fall kann das Gewicht optimal getragen werden.

Beim leichtem Ouessantschaf, welches in der Regel nur ein Lamm bekommen, werden die Muskeln und Bänder nicht übermäßig strapaziert. Bei Fleischrassen mit Mehrlingsträchtigkeiten ist die Stabilität der Muskeln und Bänder enorm wichtig. Allerdings ist auch bei Ouessantschafen zu beobachten, dass bei einigen Schafen bereits in jungem Alter die Bänder deutlich zu locker sind.

Erkennen kann man dies, indem man die Schafe von hinten betrachtet, wenn sie entspannt von einem weglaufen. Sie sollen dabei nicht rennen. Schaut auf die Hinterbeine. Bei einigen Schafen hat man das Gefühl, sie würden die Sprunggelenke beim Laufen nach außen drehen. Man kann es auch erkennen, wenn die Schafe sich umdrehen und dabei eins der Gelenke nach außen stellen. Dies ist ein sicheres Anzeichen! Bei jüngeren Schafen sollte dies eigentlich nicht zu sehen sein. Bei älteren Auen, die jedes Jahr ein Lamm großgezogen haben, kann man über diesen Punkt sicherlich hinwegsehen.

Die lockeren Bänder müssen den Schafen keine Probleme bereiten. Gerade bei Böcken, die kein zusätzliches Gewicht durch eine Trächtigkeit tragen müssen, wird es vermutlich nicht zu Folgeerscheinungen kommen. Diese Eigenschaft kann aber zu Fehlstellungen und einer Durchtrittigkeit führen. Zu diesem Punkt wird es im Verlauf der weiteren Teile dieser Serie zur Anatomie bei Schafen noch eine ausführliche Erklärung geben. Insgesamt betrachtet sollte man diesen Punkt bei der Auswahl zukünftiger Zuchttiere im Hinterkopf behalten.

Zum Schluss

In diesem Teil meiner kleinen Serie rund um die Anatomie der Schafe habe ich versucht, euch einige Begrifflichkeiten zu erklären. Sie sollen euch dabei helfen, euch kritisch mit jedem einzelnen Schaf in eurer Herde auszueinander zu setzen. Bitte urteilt nicht vorschnell! Jedes Tier hat seine Stärken und Schwächen. Neben der Anatomie kommen als Kriterien noch die Wolle und die Bemuskelung hinzu. Auf diese Punkte werde ich im späteren Verlauf der Serie noch eingehen. Darüber hinaus darf man den Charakter nicht vergessen! Bei einer Schafrasse, die oft in kleinen Gruppen und mit engem Bezug zum Menschen gehalten wird, ist dieser Punkt nicht zu vernachlässigen!

Ich persönlich finde es spannend, meine Schafe bestmöglich zu kennen. Gleichzeitig sind meine Lieblingsschafe nur selten die besten Zuchtschafe. Ganz im Gegenteil. Mein Herz hängt an den Tieren, die einige Baustellen mitbringen. Züchterisch gesehen sicherlich absolut unverständlich. Aber ich versuche, auch bei der Nachzucht dieser Schafe einen gewissen Zuchterfolg zu erreichen. Dies kann nur durch gezielte Anpaarungen und ein gewisses Risiko gelingen.

Es ist immer sinnvoll, sich mit anderen Haltern auszutauschen und verschiedene Meinungen einzuholen. Am Ende trifft aber jeder für sich die Entscheidung, was ein gutes Schaf ist, und was nicht. Fehler machen wir alle. Wichtig ist, aus diesen Fehlern zu lernen und sich nicht von seinem eigenen Weg abbringen zu lassen. Macht euch also im Vorfeld Gedanken, was ihr erreichen möchtet. Welche Ziele ihr mit der Zucht verfolgt und versucht, diese bestmöglich umzusetzen. Dann habt ihr euch nichts vorzuwerfen. Und ihr wisst ja, ein perfektes Schaf gibt es nicht. Einen perfekten Züchter übrigens auch nicht!