Lammzeit

Die Ouessantschafe sind mein Hobby. Ich liebe es sie zu beobachten und zu überlegen, welcher Bock zu welchem Mutterschaf passt. Ich verbringe Stunden damit, Abstammungen zu prüfen, Fotos zu sichten und mich mit befreundeten Züchtern auszutauschen. Besonderes Augenmerk lege ich dabei auf die Böcke. Den Spruch „Der Bock ist die halbe Herde“ kennt sicherlich jeder. Der Auswahl des passenden Deckbocks kommt daher eine große Bedeutung zu, wenn man seine Zucht in eine bestimmte Richtung entwickeln möchte.

Irgendwann, in der Regel spätestens im Herbst, ist diese Planungsphase dann aber vorbei. Die Böcke verbringen einige Wochen bei den Muttertieren und anschließend beginnt das lange Warten. Fünf Monate dauert es, bis die schönste und zugleich anstrengendste Zeit des Jahres beginnt. Die Vorfreude auf das erste Lamm des Jahres können wahrscheinlich nur andere Schafhalter nachvollziehen. Tägliche Kontrollgänge stehen bei jedem Wetter auf der Tagesordnung. Das genaue Beobachten der Mütter und das Hoffen auf die ersten Anzeichen einer bevorstehenden Geburt bestimmen bei mir die Frühjahrsmonate.

Ganz untätig muss man aber nicht sein, während die Schafe auf der Weide langsam immer runder und die ersten Babybäuche größer werden. Ich nutze diese Zeit, die wie eine Ruhe vor dem Sturm ist, um mich auf die Lammungen vorzubereiten. Es gibt reichlich Sachen, die man gut im Vorfeld organisieren kann um im Notfall nicht in Panik zu verfallen.

Als erstes kann ich jedem Schafhalter, der mit dem Gedanken spielt, Lämmer zu bekommen, das Seminar „Geburtshilfe“ an der Tierklinik in Gießen empfehlen. Ich vermute, dass auch die Schafzuchtverbände entsprechende Vorträge anbieten, hier lohnt sich eine entsprechende Anfrage mit Sicherheit. Ein solches Seminar, in dem auch der praktische Teil, die Geburtshilfe, gezeigt wird, ist im Fall der Fälle Gold wert.

Unsere Schafe lammen in der Regel selbstständig in der Herde ab. Allerdings ist es in meinen Augen trotzdem sinnvoll, auch alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Man sollte die Möglichkeit haben, eine Ecke im Stall oder Unterstand abtrennen zu können. Es kann immer sein, dass Mutter und Kind beobachtet werden müssen, die Aue ihr Lamm nicht annimmt oder einer von beiden krank ist. Hier sollte man vorbereitet sein, so dass die Box entweder bereit steht oder mit wenigen Handgriffen aufgestellt werden kann. In besonders kalten Regionen oder bei Flaschenlämmern kann eine Rotlichtlampe helfen, damit das Lamm bei Minusgraden nicht friert.

Einige Kleinigkeiten sollte man für alle Fälle eigentlich immer im Haus haben. Das wäre zum einen Biestmilch. Wenn man diese erste Milch, das Kolostrum, nicht von einer Aue abmelken kann, gibt es auch Ersatz in Pulverform, der seinen Zweck ebenfalls erfüllt. Für das Worst-Case-Szenario eines Flaschenlamms ist ein Fläschchen unersetzlich. Wir haben von der Größe gute Erfahrungen mit den Liebesperlen-Flaschen aus dem Supermarkt gemacht. Diese eignen sich gerade in den ersten Tagen sehr gut. Wichtig zu beachten ist: Diese sind nicht für den Dauereinsatz gedacht, so dass man eventuell ein bis zwei Flaschen vorrätig haben sollte. Wenn die Lämmer etwas älter werden, steigen wir auf Flaschen der Marke Kerbl um. Hier kann der Sauger einzeln nachbestellt und die Öffnung, durch Zuschneiden, der Trinkmenge angepasst werden.

Zu Beginn unserer Schafhaltung habe ich mir ein selbst zusammengestelltes Heftchen angelegt. In diesem stehen die wichtigsten Daten rund um die Geburt wie z.B. erste Anzeichen, Temperatur und Geburtslagen. Dieses Heft habe ich immer griffbereit, damit man ggf. nachlesen kann, in welchem Stadium der Geburt sich das Schaf befindet oder ob das Lamm richtig liegt. Mich beruhigt es immer zu wissen, dass ich schnell auf die wichtigsten Informationen zugreifen kann. Tatsächlich gebraucht habe ich es bisher, zum Glück, aber noch nicht.

Außer einem sauberen Eimer, Einmalhandschuhen, Jod, einem Fieberthermometer, Halsband und Leine zum fixieren, Gleitgel und der normalen Stallapotheke braucht man für die Zeit der Ablammungen eigentlich keine besonderen Materialien. Die meisten Hilfsmittel, wie Vorfallbügel und Geburtsstricke, sind in der Regel zu groß für Ouessantschafe und daher nicht einsetzbar. Das Geld kann man besser sparen und in sinnvolle Dinge investieren.

Die wichtigste Hilfsmittel in einer solchen Zeit sind sicherlich die eigene Intuition und die Nummer eines fähigen Tierarztes auf dem Kurzwahlspeicher. Wenn Zweifel aufkommen oder man als Halter ein komisches Gefühl hat, wenn die Geburt zu lange dauert muss immer der Tierarzt hinzugezogen werden! Das selbe gilt für den Fall, dass sich das Muttertier sichtlich quält. Hier geht es im schlimmsten Fall um Leben und Tod und zwar von Aue und Lamm!

Auch wenn immer eine gewisse Vorsicht geboten ist: In den meisten Fällen bringen Ouessantschafe ihre Lämmer vollkommen alleine und problemlos zur Welt. Sie sind sehr gute Mütter, die sich rührend um ihren Nachwuchs kümmern und Geburtsprobleme sind selten. Als Züchter bleibt einem dann eigentlich nur, sich zurücklehnen und die Zeit zu genießen, in der die Lämmer noch klein sind. Wie bei allem ist es leider auch bei Lämmern so, sie werden viel zu schnell „groß“!